„Erreger aus dem Stall“ – Welchen Anteil hat die agrarindustrielle Tierhaltung in Niedersachsen an der Entstehung multiresistenter Keime?
Kleine Anfrage zur schriftlichen Beantwortung
Die Entstehung multiresistenter Keime durch die Gabe von Antibiotika mit dem Futter an Nutztiere ist einer breiteren Öffentlichkeit seit dem Jahr 2006 bekannt, als EU-weit die Leistungsförderer oder Fütterungsantibiotika verboten wurden. Leistungsförderer konnten damals von anerkannten Mischfutterwerken auf tierärztliche Verschreibung hin durch die Mischung von Futtermittel und Antibiotika hergestellt werden. Das damalige Verbot begründete sich auf Fälle in der Humanmedizin, wo Patienten mit einer Infektion durch multiresistente Keime nicht mehr behandelbar waren.
Dieser Antibiotikaanwendung als Leistungsförderer folgte die ausschließliche Verschreibung durch den Tierarzt auf der Basis einer Diagnose.
Inzwischen ist bekannt, dass in Deutschland jährlich etwa 40 000 Menschen an einer sogenannten Krankenhausinfektion mit multiresistenten Keimen sterben, was der Einwohnerzahl einer mittleren Kleinstadt entspricht. Als wesentliche Ursachen werden mangelnde Krankenhaushygiene und eine ungezielte Antibiotikaanwendung in der Nutztiermast diskutiert (vgl. Süddeutsche Zeitung: Erreger aus dem Stall, 27.9.10).
Der Fachbericht zum gesundheitlichen Verbraucherschutz 2009 des LAVES enthält ein Kapitel "MRSA und andere multiresistente Keime - Nachweise in Tierhaltungen und Risiko der Übertragung", in dem darauf hingewiesen wird, dass Menschen mit häufigerem Kontakt zu Nutztieren (Tierhalter, Tierärzte) Träger der multiresistenten Keime sein können. Nach dieser Veröffentlichung nimmt Deutschland mit 43,5 % zusammen mit Spanien mit 46 % MRSA infizierter Schweinehaltungen einen Spitzenplatz in Europa ein. Nachbarländer wie die Niederlande und Polen haben deutlich weniger MRSA-infizierte Schweinehaltungen. Sie liegen bei 12,8% und 2,1% infizierter Schweinehaltungen.
In dem Fachbericht findet man auch MRSA-Nachweise für Niedersachsen.
Wir fragen die Landesregierung:
- Was kann die Landesregierung über das Resistenzgeschehen infolge der Verfütterung von Leistungförderern bis 2006 sagen? Dauert das Resistenzgeschehen an?
- Wie wird in der Tierhaltung eine gezielte Antibiotikatherapie praktiziert, um Resistenzen zu vermeiden?
- Ist in der industriellen Tiermast, z.B. bei 40 000 Masthühnern in einem Stall, eine vergleichbare gezielte Therapie möglich oder gibt es andere Methoden, um Resistenzen zu vermeiden?
- Sind nicht bereits die durchschnittlichen Antibiotika-Behandlungen von 2 Anwendungen pro Mastdurchgang von 30 Tagen bei Masthühnern oder noch häufigere Behandlungen (bis zu 6 Behandlungen vgl. Petermann in Leipziger Blaue Hefte, 5. Leipziger Tierärztekongress 21.-23.1.2010) ein Hinderungsgrund für eine gezielte Therapie?
- Wie ist die Anforderung einer gezielten Antibiotika-Therapie bei Umwidmungen zu erfüllen, wo bei Nichterfolg einer Antibiotikabehandlung auf Antibiotika für andere Tierarten und Reserveantibiotika für die Humanbehandlung zurück gegriffen werden kann?
- Welche Rolle spielen Antibiotika in der Nahrungskette?
- Wie will die Landesregierung die Kontrolle von Antibiotikabehandlungen in Mastställen angesichts steigender Anwendungen verbessern?
- Warum sieht die Landesregierung bei der DIMDI-Arzneimittelverordnung für Hühner einen höheren Datenschutz erforderlich als für Schweine und Rinder (Rede von Ministerin Grotelüschen am 10.12.2010)?
- Welche Maßnahmen ergreift die Landesregierung konkret, um der Forderung des Landesgesundheitsamtes nachzukommen, die Verwendung von Antibiotika in der Tiermedizin deutlich zu reduzieren?
- Wie ist es zu der hohen Infektion/Besiedlung deutscher Schweinebestände gekommen, die das LAVES ("Fachbericht zum gesundheitlichen Verbraucherschutz 2009" S.73 ff) mit 43,5% infizierter Betriebe angibt?
- Seit wann wird in der deutschen Schweinemast diese ausgeprägte Antibiotikabehandlung praktiziert, wie Dr. Herrmann Focke sie schildert? (Focke, Die Natur schlägt zurück, S. 177ff)
- Gibt es Informationen darüber, welche europäischen Nachbarländer sich wie darüber beschwert haben, dass der MRSA-Besatz auf dem deutschen Nutzvieh vergleichsweise hoch ist, insbesondere bei Schweinen? (Deutschland nimmt einen Spitzenplatz nach Spanien mit 46% infizierten Betrieben ein.)
- Ist der Landesregierung bekannt, dass eine Untersuchung des RKI (Robert Koch Institut) von Schweinen des NEULAND-Programms, das eine tierschutzkonforme Tierhaltung als Maßstab für die Mast hat, sowie deren Mästern ergab, dass diese Schweine keine MRSA-Besiedlung bzw. Infektion haben und auch ihre Mäster nicht infiziert waren, bis auf einen, der in einer konventionellen Großmastanlage seine Ausbildung gemacht hatte? Wie bewertet die Landesregierung diesen Umstand?
- Kann die Landesregierung bestätigen. dass sich das MRSA-Bakterium unter den Bedingungen der Massentierhaltung viel schneller vermehrt als unter anderen?
- Was ist bis jetzt über die Besiedlung mit MRSA bei Geflügel bekannt? Welche Erkenntnisse diesbezüglich ergeben sich aus dem jüngst veröffentlichten Zoonosen–Monitoring des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit?
- Sieht die Landesregierung einen Zusammenhang zwischen Besatzdichte, absoluter Tierzahl und der Häufigkeit/Intensität des Auftretens von resistenten Keimen?
- In manchen Krankenhäusern werden bei Personen, die in der Tierhaltung arbeiten und eines stationären Krankenhausaufenthalts bedürfen, Tests auf MRSA gemacht. Nach welchen Kriterien entscheiden die Krankenhäuser ob sie diese Tests machen oder nicht? Gibt es in diesem Zusammenhang gemeinsame Projekte mit den Niederlanden?
- In welchen niedersächsischen Krankenhäusern wurde die Empfehlung der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) aus dem Jahr 2008 schon realisiert?
- Was bedeutet der bisher bekannte wichtigste Übertragungsweg für multiresistente Keime, nämlich der direkte Kontakt mit MRSA besiedelten Menschen, für Familien aus dem Bereich der Tierhaltung, die ein Familienmitglied im Krankenhaus liegen haben?
- Wie viele Niedersächsische Krankenhäuser beschäftigen hauptamtliche ärztliche Hygienebeauftragte?
- Wie viele Niedersächsische Krankenhäuser beschäftigen hauptamtliche nicht-ärztliche Hygienebeauftragte?
- In wie vielen Krankenhäusern werden die Aufgaben eines/r Hygienebeauftragten nebenamtlich erledigt?
- Wie beurteilt die Landesregierung die Notwendigkeit, die Aufgaben eines/r Hygienebeauftragten hauptamtlich erledigen zu lassen?
- Welche Erfahrungen wurden in anderen Bundesländern mit hauptberuflichen Hygienebeauftragten in Krankenhäusern gemacht?
- Gibt es vergleichende Studien über Krankenhäuser mit und ohne hauptberufliche Hygienebeauftragte und den Wirkungen?
- Welche Regelungen gibt es diesbezüglich in den Niederlanden?
- Wie wird ansonsten die Sicherheit von Patienten in stationärer Behandlung gemessen?
- Welche Kriterien werden zur Messung der Patientensicherheit in diesem Bereich empfohlen oder sind vorgeschrieben?
- Ist die Einhaltung gewisser Hygienestandards Bestandteil von Zertifizierungen?
- Gibt es eine systematische Auswertung über das Auftreten von MRSA- und anderen resistenten Keimen in niedersächsischen Krankenhäusern?
- Welche Maßnahmen werden in den Krankenhäusern gegen die Ausbreitung multiresistenter Keime durchgeführt? Mit welchem Erfolg?
- Wie erklärt die Landesregierung die Praxis niederländischer Krankenhäuser, Patienten aus Deutschland als Risikopatienten grundsätzlich zunächst zu isolieren, bis der Verdacht auf MRSA-Besiedelung durch einen Test ausgeräumt ist?
- Welche Kenntnisse hat die Landesregierung über das Vorkommen von MRSA in Pflegeheimen?
Ursula Helmhold Christian Meyer
Antwort der Landesregierung: